Adios Bolivia

Hallo ihr Lieben,

jetzt sitze ich also in Santa Cruz de la Sierra, von wo morgen mein Flug nach Madrid geht, und kann es kaum glauben, dass es schon fast ein Jahr her ist seitdem genau hier mein Bolivienabenteuer begann.

Die letzten Wochen seit meinem vorigen Post sind unglaublich schnell vergangen, so viel habe ich noch erlebt! Erst ging es an den sehr traurigen Abschied von Tarabuco, meine Traenen wurden aber durch einen wunderbaren Urlaub schnell wieder getrocknet.

Ein letztes Abschlussprojekt fuehrten Tamara und ich noch in unserer Aussenschule Jumbate durch. Die braunen Waende, die den Schulhof umrahmten, sollten ein neues Gesicht bekommen, und zwar ein weisses mit bunten Bildern. Wir kauften also grosse Farbeimer mit weisser Farbe und ein paar kleinere bunte und los ging’s. Die Schueler halfen uns fleissig beim Streichen und spaeter durften sie selber auch ein paar Bilder entwerfen, zeichnen und ausmalen. Es war ein ganz schoen anstrengendes Projekt, oft haetten wir fast die Geduld verloren, wenn wieder mal eines der Kinder die weisse Wand blau uebermalen oder den roten Pinsel in den gelben Farbeimer tauchen wollte, das Ergebnis gefaellt uns aber sehr und wir freuen uns, unseren Schuelern etwas so Schoenes hinterlassen zu koennen…

SAM_1114

Der Schulhof vorher…

SAM_1151SAM_1153

SAM_1230

Es wird gestrichen…

SAM_1372

…gezeichnet…

SAM_1477

…und ausgemalt.

SAM_1382

Auch die Kleinen helfen mit.

SAM_1677

Ergebnisse:

SAM_1720SAM_1667SAM_1668SAM_1666SAM_1665

Nach diesem Projekt und den letzten Unterrichtsstunden in der Dorfschule kam dann die letzte Juniwoche, und somit auch unsere letzte Woche in Tarabuco. Ich backte also blecheweise Zitronenkuchen, verteilte ihn an meine Schueler und verkuendigte, heute sei meine letzte Stunde und zum Abschluss wuerde ich gerne noch mit ihnen etwas spielen. Die erste Reaktion waren meistens verwirrte Blicke: „Aber profe, wohin gehst du denn?“ – „Zurueck nach Deutschland“ – „Aber warum denn?“ – „Ich hab nur ein Jahr hier, und ausserdem moechte ich jetzt gerne meine Familie wiedersehen und dann studieren.“ – „Aber wann kommst du wieder?” – „Gar nicht mehr, hoechstens mal zu Besuch!“ – „Profe, nein, geh nicht!“ Es waren ziemlich herzzerreissende Abschiede, die Schueler schrieben mir Briefe, schenkten mir Bleistifte und bettelten immer, immer wieder, ich solle doch nicht gehen. Am schwersten war es jedoch in Jumbate. Weil es dort nur so wenige Schueler gibt, hat man zu allen eine sehr viel persoenlichere Beziehung aufgebaut und es war unglaublich schwierig zu gehen – ich weiss ja nicht , wann ich wiederkomme, kann mit den Schuelern keinen Kontakt halten und es koennte gut sein, dass ich sie teilweise nie wiedersehe. Am letzten Schultag gab es fuer uns extra gekochte Saice, dann verteilten wir ein paar Abschiedsgeschenke und Fotos aus dem Jahr und abschliessend verbrachten wir noch den gesamten Nachmittag mit den Kinder und machten einen langen Spaziergang in der Umgebung. Es war wunderschoen, aber nach den letzten Umarmungen konnte ich den gesamten Rueckweg vor lauter Traenen kaum die Strasse sehen…

SAM_1685

Die Kinder von Jumbate, die zwei Lehrerinnen und wir

Die Trauer wurde aber schnell vertrieben, und zwar durch Stress. Unser Plan war folgender gewesen: Am Freitag nach dem Abschied noch einen letzten schoenen WG-Abend verbingen, kochen und entspannt packen. Am Samstag fertig packen, aufraeumen, und mittags nach Sucre zu fahren, um dort abends die flota nach La Paz zu nehmen. Daraus wurde jedoch nichts: Am Freitagabend erfuhren wir, dass am Samstag kein Durchkommen nach Sucre sein wuerde, ausser mit 15-20 km laufen. Das war allerdings keine Option, wir hatten ja jeder mindestens zwei Rucksaecke und einen Koffer. Also wurde improvisiert: Bis um ein Uhr nachts war alles gepackt, aufgeraeumt und fertig. Dann liefen wir mit unserem gesamten Gepaeck zur grossen Strasse nach Sucre, setzten uns an den Rand und warteten auf die Nachtbusse aus anderen Doerfern uns Staedten Richtung Sucre. Nach ein paar fehlgeschlagenen Versuchen hatten wir schliesslich um halb drei Glueck und konnten eine flota anhalten, die bereit war, uns mitsamt unserem Gepaeck nach Sucre zu nehmen…

Am naechsten Abend ging es dann etwas uebermuedet gleich weiter nach La Paz, der auf 3600-4100 Metern gelegenen inoffiziellen Hauptstadt Boliviens, die zur Basis meiner naechsten Erlebnisse wurde.

SAM_1995

ueber La Paz

Erstmal gab es ein bisschen Kulturprogramm in Tiwanaku, einer Ruinenstadt aus Prae-Inka-Zeit nahe La Paz, durch die wir eine sehr interessante Fuehrung hatten. (Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, auf wie viele der Infos man sich tatsaechlich verlassen kann: Unser Guide erzaehlte uns unter anderem, die Bewohner von Tiwanaku seien 2 Meter gross gewesen und man sehe das ganz eindeutig an den hohen Treppenstufen.)

SAM_1815SAM_1808

Am naechsten Tag gingen wir ein bisschen in der grossartigen Umgebung La Paz’ wandern um uns auf unser grosses Erlebnis vorzubereiten: Die Besteigung des Huayna Potosí, einem 6088m hohen Berg in der Cordillera Real der Anden bei La Paz.

SAM_1842

in der Umgebung von La Paz kann man tolle Tagestouren machen

SAM_1908

Am Donnerstag ging’s mit dem Jeep los zum Base Camp am Fuss des Berges auf 4700 Metern Hoehe. Auf einem Gletscher in der Naehe wurde zunaechst der Umgang mit der Ausruestung geuebt – denn ohne Steigeisen und Pickel laesst sich der “junge Berg” (die Bedeutung des Namens Huayna Potosí auf der Indigenensprache Aymara) nicht bezwingen. Das Klettern mithilfe des Pickels war einfacher als gedacht, ging nur sehr auf die Arme: Mit viel Schwung muss er ins Eis gehauen werden, sodass man beim Aufsteigen etwas zum Festhalten hat. Auch die Steigeisen geben einem sehr viel Halt.

SAM_1950

Von unten sieht er gar nicht soo gross aus: Der Huayna Potosí

Auf dem Rueckweg vom Gletscher zum Base Camp fing es an zu schneien, sodass wir schon Angst haben mussten, den weiteren Aufstieg am naechsten Tag nicht wagen zu koennen – als wir aber am Freitagmorgen aufwachten, spannte sich ein strahlend blauer Himmel ueber die unglaubliche Berglandschaft und es ging los. An diesem Tag ging es weiter bis zum Campo Alto auf knapp 5.200m – mitsamt schwerem Rucksack voller Sachen, Schlafsack, Steigeisen, Helm und natuerlich viele warme Klamotten. Es war ziemlich anstrengend, wir wurden aber mit der Wahnsinns-Aussicht von oben belohnt: Unten breitete sich das ganze Tal vor uns aus und in der Ferne glitzerten die Gipfel von anderen Bergen. Und in die andere Richtung tuermte sich der Huayna Potosí vor uns auf – dort sollten wir also morgen hoch? Eine ganz schoen angsteinfloessende Vorstellung…

SAM_1985

Ausblick ins Tal von 5.200m

IMG-20160710-WA0017

Aufstieg zum Campo Alto

Nach einem kraeftestaerkenden Abendessen ging es um 17 Uhr (!) ins Bett. “Schlaft moeglichst viel!”, sagte unser Guide noch zu uns, “Schliesslich wecken wir euch schon um Mitternacht.” Gesagt, getan. Oder eben auch nicht… Bis 19 Uhr war es sowieso viel zu hell zum Schlafen, danach war ich auch noch zu wach und spaeter fing es dann an zu stuermen und ausserdem waelzten sich auch meine Mit-Bergbesteiger in ihren Betten hin und her und hin und her. Fazit: Keine Sekunde Schlaf und dann war es auch schon Mitternacht, das Licht wurde angemacht, wir schoben uns schweigend ein Fruehstueck in den Mund, zogen moeglichst viele Schichten uebereinaner, statteten uns mit Steigeisen, Helm, Pickel, Kopflampe und Klettergurt aus und starteten den Aufstieg in einer Karawane von ungefaehr 15 Leuten, jeweils zwei Bergsteiger mit einem Guide. Schnell verteilte sich das ganze, und man konnte vor und hinter sich immer Lichtpunkte die Haenge hochwandern sehen.

Es war unglaublich anstrengend, durch die steilen Schneefelder zu stapfen und wir machten alle paar hundert Meter eine kleine Atempause – in der duennen Luft unbedingt notwendig. Wir hatten das Glueck, durch die Hoehe nicht so sehr beeinflusst zu werden: Ja, auch wir hatten leichte Kopfschmerzen und einen schnellen Puls, doch wir konnten weiter, waehrend ein paar andere Leute aufgrund von starker Hoehenkrankheit umdrehen mussten.

Nach einer Weile waren wir dann hoch genug um ueber die kleineren Berge hinweg die Lichter von La Paz in der Ferne glitzern zu sehen, ein unglaublicher Anblick. Und es ging weiter, weiter, weiter. Irgendwann schaltete sich mein Gehirn aus und meine Fuesse liefen einfach von alleine weiter. Normalerweise ging das auch ganz gut, weil wir auf einem Grossteil der Strecke ueber Schneefelder querten. Nur manchmal zwischendurch war Konzentration gefordert, wenn wir steilere Eiswaende hochklettern oder nah am Abgrund entlang laufen mussten.

Um ungefaehr 6 Uhr morgens war es dann endlich geschafft und der Gipfel erreicht – zwischendurch hatte ich den Glauben daran echt verloren, so hart war es und ausserdem war mein Zeitgefuehl auch komplett verschwunden, sodass ich ganz ueberrascht war als ich ploetzlich oben stand und es gar nicht mehr hoeher ging: Ein unglaublicher Moment. Die Sonne ging gerade auf und faerbte die Wolken unter uns rot, der Schnee glitzerte, in der Ferne leuchtete La Paz und man konnte sogar den Titicacasee sehen. Ein Stueck Schokolade gab es zur Belohnung, doch schon bald mussten wir uns an den Abstieg machen, da es erstens fuer den Koerper nicht gut ist, so lange in einer so extremen Hoehe mit wenig Sauerstoff zu sein und wir es ausserdem bis zum Campo Alto schaffen mussten, bevor die Hoehensonne gefaehrlich stark wurde.

SAM_1995(1)

Blick vom Gipfel – La Paz hinten rechts

IMG-20160710-WA0040

IMG-20160710-WA0039

Blick vom Schneefeld aufs Wolkenfeld

Ich haette nicht gedacht, dass es moeglich waere, aber der Abstieg war fast noch haerter als der Aufstieg, denn nun war meine Energie irgendwie verbraucht und ich stolperte nur so vor mich hin. Um 10 war dann das Campo Alto erreicht und zwei Stunden spaeter auch schon das Base Camp, wo wir nur so in den Jeep fielen, der uns zurueck nach La Paz bringen sollte, wo ich im Hostel erst einmal 15 Stunden durchschlief.

Insgesamt war meine Bergbezwingung ein unglaubliches Erlebnis und ich habe wirklich erfahren, was es heisst, an seine Grenzen zu gehen. Ob ich es nochmal machen wuerde? Wahrscheinlich schon, aber fuers Erste reicht ein Sechstausender 😉

Viel ausruhen konnte ich aber nicht, denn zwei Tage spaeter zog ich mir schon wieder meine Wanderschuhe an, um mit drei anderen Freiwilligen den “Choro-Trek” zu wandern – eine Wanderung die auf ca.4900 beginnt, dann ueber drei Tage und 72km bergab geht, schliesslich auf 1200m endet und die gesamte Zeit durch eine wirklich eindrucksvolle, nahezu menschenleere Landschaft fuehrt. Zu Anfang laeuft man durch die trockene, karge Landschaft des Altiplano, wo im Schatten sogar noch Schnee liegt und um einen herum steile Felswaende und weiß glitzerende GIpfel aufragen; dann aendert sich die Landschaft genau wie das Klima, es wird gruener, feuchter, waermer. Die trockenen Graeser und Lamaherden (oder Alpakas? Ich kann sie immer noch nicht auseinanderhalten) verschwinden, es stehen immer mehr Buesche am Wegrand, bis man ploetzlich im Wald laeuft und die Luft um einen herum feucht, schwer und mit Vogelgezwitscher, Schmetterlingen und leider auch vielen Muecken erfuellt ist: Man ist in den Yungas angekommen, den letzten, mit Wald bedeckten Auslaeufern der Anden, die dann ins Tiefland und den Regenwald uebergehen.

SAM_2068

Der Trek startet auf kanpp 4900 Metern

SAM_2126

Auf dem Weg begegnen einem Lamas/Alpakas

SAM_2150

Es wird gruener…

SAM_2165

…bis man durch dichten Wald laeuft

SAM_2213

Haeufig muessen auch Wasserfaelle ueberquert werden

SAM_2181

oder Haengebruecken

SAM_2221

Bananenbaeume am Wegrand

SAM_2226

Wahnsinnsaussicht auf die Yungas

Unsere Naechte verbrachten wir im Zelt, mit unglaublichen Ausblicken auf die Taeler und Abhaenge – leider teilten wir es uns mit vielen, vielen Muecken. Die Schwaerme von Gluehwuermchen haetten mir ehrlich gesagt gereicht…

SAM_2230

Zimmer/Zelt mit Aussicht

SAM_2197

Das Ende unserer Tour erreichten wir in Coroico, einer kleinen Stadt mitten in den Yungas, mit dem Auto ca 3 1/2 Stunden von La Paz entfernt. Dort goennten wir uns ein paar Tage zur Entspannung im wunderbar warmen und sonnigen Klima am Pool im Hostel, bevor wir ins kalte La Paz zurueck fuhren, um dann fuer die letzten Tage unseres Auslandsjahres noch nach Sucre zu reisen, wo wir letzte Einkaeufe erledigen und uns von der (meiner Meinung nach) schoensten Stadt Boliviens verabschieden wollten.

SAM_2243

¡Chau Sucre!

Und jetzt bin ich hier in Santa Cruz, schwanke im Minutentakt zwischen Melancholie, Traurigkeit und Vorfreude auf Deutschland, hoffe, dass meine mit Mitbringseln vollgepackten Koffer nicht zu schwer sind und kann einfach nicht glauben, dass ich dieses Land morgen verlasse – bestimmt nicht fuer immer, aber wahrscheinlich fuer eine ganze Weile.

Liebe Gruesse,

Mareile

P.S. Ich entschuldige mich fuer die Schreibweise mit ae, ue etc. Dieser Blog wurde an einem bolivianischen Computer verfasst, der unsere Umlaute nicht kennt…

Advertisements

Der Countdown läuft

Hallo liebe Leser,
Mit Schrecken ist mir gerade aufgefallen, dass mein letzter Post schon wieder mehr als sieben Wochen her ist… und auch wenn ich zuerst der Meinung war, dass in dieser Zeit sowieso nicht besonders viel passiert ist, sind mir doch mittlerweile ein paar Dinge eingefallen, die ich erlebt habe und die ich jetzt für euch aufs (digitale) Papier bringen will.

Seit Anfang Juni – mit dem Anbruch meines letzten Arbeitsmonats – hat sich in meinem Kopf eine Uhr breitgemacht, die unaufhörlich tickt: 52, 51, 50… meine Tage in Bolivien sind gezählt und mehr noch meine Tage in Tarabuco: Am 1. Juli ist nämlich der letzte Schultag vor den Winterferien und somit auch mein letzter Arbeitstag, danach geht es nochmal auf Reisen. Meistens kann ich diesen Countdown noch ganz gut ausblenden, doch manchmal überkommt mich die schiere Panik, zum Beispiel wenn mir beim Unterrichten in meiner Lieblingsklasse auffällt, dass ich nur noch drei Stunden mit ihnen haben werde, oder wenn wir uns Gedanken machen, was wir unseren Schulen oder unserer Gastfamilie als Erinnerung an uns hinterlassen wollen.

Natürlich gibt es auch (ab und zu) Momente, in denen ich mich ziemlich auf Deutschland freue: Nicht mehr andauernd Magenprobleme (hoffentlich), keine Flöhe mehr im Bett und – momentan ein häufiger Gedanke – der deutsche Sommer. Denn in Tarabuco ist es kalt geworden, sehr kalt. Aus dem Haus wage ich mich meistens nur mit mindestens fünf Schichten und dickem Schal und drinnen verbringen wir alle ziemlich viel Zeit im Bett oder mindestens in unsere Decken eingewickelt. Die Sonne hat zwar nicht viel von ihrer Kraft verloren, ihre Wirkung wird aber durch Schleierwolken oder einen stechend kalten Wind eindeutig vermindert.

Das ganze hielt uns aber trotzdem nicht davon ab, mit zwei Freundinnen aus Sopachuy endlich mal etwas zu machen, das wir uns seit unserer Ankunft hier vorgenommen hatten: Den Q’ara Q’ara zu besteigen, den wir meistens „Tarabuco-Berg“ nennen, weil er eben Tarabuco überragt und außerdem oben aus weißen Steinen der riesige Schriftzug Bienvenidos a Tarabuco steht. Nach einer schönen Wanderung auf dem Gipfel angekommen, befanden wir uns dann auf circa 3790 Metern, also noch einmal knapp 500m höher als Tarabuco und auf dem höchsten Gipfel in der näheren Umgebung – eine großartige Aussicht. Sogar das sechzig Kilometer im Nordwesten liegende Sucre konnten wir in der Ferne glitzern sehen.

SAM_0667

SAM_0645

auf dem Weg

Auch an den anderen Wochenenden saßen wir nicht nur faul zuhause rum. Zwei verlängerte Wochenenden nutzten wir, um mehr von unserem diesjährigen Heimatland zu sehen. Anfang Mai hatten wir aufgrund des 1. Mais einen Tag länger Zeit, um uns Tarija im Süden Boliviens anzugucken. Zwar war der 1. Mai an einem Sonntag, aber sonntags hat man ja sowieso frei, und wir wären nicht in Bolivien, wenn sie einen Feiertag verfallen lassen würden. Der Tag der Arbeit wurde also auf den 2. Mai, den Montag verschoben.
Tarija ist eine recht kleine Stadt mitten im höchstgelegenen Weinanbaugebiet der Welt auf 1850m. Genau dieses guckten wir uns auch auf einer kleinen „Weintour“ an – mit einem Bus fuhren wir zu verschiedenen Weinkellern, schauten uns den Herstellungsprozess an und durften auch den einen oder anderen Tropfen probieren.
Auch das kleine Dorf San Jacinto nahe bei Tarija war wunderbar zum Erholen; wir genossen das warme Wetter am Ufer eines großen Sees.

DSCF5072

Weinkeller

DSCF5113

See bei San Jacinto

DSCF5086

Umgebung Tarijas

Unser nächster Ausflug führte uns am verlängerten Wochenende von Fronleichnam nach Samaipata, ein Dorf nahe Santa Cruz, gelegen mitten im sogenannten „Wolkenwald“, der uns in den drei Tagen, die wir dort verbrachten, anscheinend unbedingt zeigen wollte, warum er diesen Namen verdient: Es war durchgängig nebelig. Besonders viel von der Umgebung haben wir also nicht gesehen, konnten aber immerhin erahnen, dass die Berge – die letzten Ausläufer der Anden – grün und dicht bewachsen sind. Ein Highlight in Samaipata ist das Weltkulturerbe „El Fuerte“, wo man Inkaruinen neben Überresten eines spanischen Hauses und in den Stein geschnitzten Bildern aus der Zeit vor den Inka sehen kann. Naja, oder auch nicht… Aufgrund des Nebels konnten wir viele der auf den Infotafeln beschriebenen Bilder nur erahnen oder auch überhaupt nicht erkennen. Trotzdem ein interessanter Ausflug! Außerdem schauten wir uns in Samaipata noch eine Tieraufzuchtstation mit sehr niedlichen Affen und bunten Vögeln an, und machten eine sehr schöne Wanderung in der Umgebung.

DSCF5596

Ein Affe macht es sich auf meiner Schulter bequem

SAM_0755

SAM_0812

Wolkenwald

SAM_0854

Ruinen einiger Inkahaeuser

Sonst ging der Alltag ganz normal weiter, „überraschenderweise“ unterbrochen von ein paar Feiertagen. So war am 25. Mai zum Beispiel Día de Chuquisaca, Tag des departamentos (etwas wie Bundesland), in dem sich Tarabuco befindet. Gefeiert wurde der „erste Ruf der Freiheit“ – in Sucre begann der Unabhängigkeitskampf Südamerikas. Mit dem Marschieren über die Plaza von allen Schülern, Lehrern und Mitarbeitern des Bürgermeisteramtes zelebrierte Tarabuco diesen Tag; und auch am Abend vorher durften wir schon einmal zu Marschmusik über den Platz laufen – mit rot-weißen Laternen (die Farben Chuquisacas).

Ein anderer Festtag war am 6. Juni der Día del maestro, Tag des Lehrers. Natürlich fand dort kein Unterricht statt, wir Lehrer wurden stattdessen mit weißem Konfetti beworfen, bekamen kleine Geschenke und außerdem eine Tanzvorführung der Schüler: Sehr niedliche Sechstklässlerinnen, die in traditionellen Cholita-Klamotten zu bolivianischer Musik kaum ihre Beine bewegten und sich die ganze Zeit peinlich berührte Blicke zuwarfen oder Fünftklässler, die zu südamerikanischer Chart-Musik versuchten besonders cool auszusehen – amüsant war es auf jeden Fall. Als Abschluss gab es dann ein von den Eltern und der Verwaltung Tarabucos gesponsertes Essen für alle Kollegen – typisch bolivianisch mit vielen Pommes, viel Fleisch, viel Majonäse und wenig gesunden Bestandteilen.

SAM_1042

Zu Feierlichkeiten wird einem hier oft eine ganze Menge weisses Konfetti auf den Kopf geworfen…

SAM_1081

SAM_1069

tanzende Schueler

Abgesehen davon vergehen meine Tage, Wochen, Monate hier im gewohnten Rhythmus. Montags und mittwochs bin ich an der Außenschule, sonst hier in Tarabuco, und am Wochenende unternehmen wir oft etwas. Die einzige Veränderung ist der Winterstundenplan, der mittlerweile in Kraft getreten ist: Die Schule fängt eine halbe Stunde später an, Pausen und Doppelstunden werden jeweils um 10 Minuten gekürzt, sodass auch wieder früher Schluss ist. Dass es morgens mittlerweile kalt und dunkel ist, und der Anfang nach hinten verschoben wird (hier gibt es ja immerhin keine Zeitumstellung), ja, das finde ich noch einigermaßen verständlich. Aber warum früher Schluss sein muss, wo es doch um 14 Uhr auch nicht kälter oder dunkler ist als eine halbe Stunde davor, das soll mal einer verstehen…

Trotz des gewohnten Trotts wird es mir aber nicht langweilig. Ich freu mich immer wieder über meine Kinder, auch wenn es zugegebenermaßen ein paar Klassen gibt, auf die ich weniger Lust habe als auf andere. Das Spielen in den Pausen macht mir total Spaß und ich werde auch immer besser in Spielen wie „a la liga“, einem Spiel, bei dem man in verschiedenen Schwierigkeitsstufen über ein gespanntes Seil hüpfen muss. Das Hüpfen ist an sich gar nicht das Problem, immerhin habe ich ja deutlich längere Beine als die Mädels, schwierig wird es eher, wenn ich mir die Reihenfolgen der Sprünge merken muss. Sonst wird auch oft Fußball oder Fangen gespielt, und meinen Schülern in Jumbate habe ich jetzt außerdem Mau Mau beigebracht, was sie mit Begeisterung spielen: „Leihst du uns in der Pause deine Spielkarten?“ schallt mir entgegen, sobald ich den Schulhof betrete. Auch mein Fahrrad wird dort gerne ausgeliehen und die Versuche der kleinen Acht- oder Neunjährigen auf dem viel zu großen Fahrrad zu fahren sind immer wieder ein Grund zum Lachen (und Sorgen machen) für mich.

SAM_0956SAM_0968SAM_0987

SAM_0950

Karten spielen beim Fruehstueck

Die Themen im Unterricht bleiben die gleichen: Tiere, Farben, Zahlen, Essen… nur den wenigsten, fähigsten Klassen habe ich bis jetzt auch zugetraut, Sätze zu bilden. Einen lustigen Moment hatte ich in meiner 4A, als wir das neue Thema „Sachen im Klassenraum“ angefangen haben: Ich fragte, was für Dinge es denn eben dort gibt, und anstelle der typischen Antworten –Tisch, Stuhl, Tafel – die ich in allen anderen Klassen bekomme, kam als erstes „esqueleto“ – Skelett. Nach einiger Verwirrung meinerseits entdeckte ich schließlich das neue Modell eines Skeletts für den Biounterricht an ihrer Wand… und obwohl ich den Schülern schließlich erklärte, dass ich eher andere Wörter angedacht hatte, ließen sie nicht locker, bis sie auch esqueleto – skeleton in ihr Heft schreiben durften.

SAM_0947

Öfters kommen auch nachmittags Schüler aus den höheren Klassenstufen bei uns zuhause vorbei, um sich Englisch-Nachhilfe geben zu lassen, und ich merke immer wieder, dass ihre Kenntnisse der Sprache und der Stoff in ihren Büchern in absolut keinem Verhältnis stehen: Bei einem Zehntklässler hat man zum Beispiel Glück, wenn sie sich auf Englisch vorstellen und einen Satz im simple present bilden können. Die Texte, bei denen wir ihnen helfen sollen, handeln dagegen von wissenschaftlichen Themen und sind selbst für mich teilweise schwierig zu verstehen. Aus einem Meer von Wörtern wie elaborate, comprehensive oder nuclear weapon fischen die Schüler dann and, the und is, die sie mir stolz übersetzen. Passt zu dem Land, in dem Grundschullehrer verpflichtet sind, ihren Schülern ab der ersten Klasse Englisch beizubringen, auch wenn keiner von ihnen mehr als ein paar Worte kann.

Aber das ist eine der vielen Eigenheiten Boliviens, die ich in diesem Jahr kennen und (teilweise) lieben gelernt habe… An ein paar Dinge würde ich mich nie gewöhnen können, zum Beispiel an die Einstellung zum Müll – man kann in Bussen Schilder finden: Bitte den Müll nicht auf den Boden, sondern aus dem Fenster werfen – und das sieht man auch. Andere Sachen werde ich in Deutschland total vermissen, so die unglaubliche entspannte Haltung allen Dingen gegenüber: Wenn man mal zu spät kommt, dann ist das eben so. Wenn gerade kein Bus nach Sucre fährt, dann fährt man eben in einem Auto mit. Und wenn man zu sechst unterwegs ist, und sich keine zwei Taxis nehmen will, dann setzen sich eben zwei Leute in den Kofferraum. In Deutschland unvorstellbar, in Bolivien komplett normal.

Das klang jetzt fast schon wie ein Fazit über mein Jahr, aber noch ist es ja gar nicht vorbei. Drei hoffentlich tolle Wochen liegen noch in Tarabuco vor mir, und dann freue ich mich aufs Wandern und den Regenwald.

Liebe Grüße,
Mareile

Fiesta, Fiesta, Fiesta

Man könnte den Einwohnern Boliviens bestimmt einiges vorwerfen, eine Sache aber ganz bestimmt nicht: Dass sie sich irgendeine Gelegenheit zum Feiern entgehen lassen würden. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele verschiedene Feste und Feierlichkeiten ich seit meinem letztem Blog vor gut vier Wochen über mich ergehen lassen musste: Von riesigen Fiestas wie Pujllay über eher kleine Festivitäten, zum Beispiel zum Tag der Kinder oder des Meeres bis hin zu Schuljubiläen und Ostern. Kein Wunder, dass dieser Tage der Unterricht mal wieder unterste Priorität hatte – langsam frage ich mich sogar, ob es nur eine Woche im ganzen Jahr gibt, wo die Schulbildung kein einziges Mal dem Planen von Festen, dem Üben von Tänzen oder dem Basteln von Fahnen weichen muss.

Den Anfang dieser mit Feiern vollgestopften Wochen machte Pujllay, das Highlight eines jeden Jahres in Tarabuco – so wurde es uns zumindest seit unserer Ankunft in Bolivien angekündigt. Immer am dritten Märzwochenende wird hier nämlich der Sieg der Tarabuqueños über die Spanier in einer wichtigen Schlacht auf dem Wege zur Unabhängigkeit im Jahre 1816 groß gefeiert – dieses Jahr also 200-jähriges Jubiläum. Schon am Samstagabend gab es ein riesiges, fast achtstündiges Konzert mit großem Andrang in der Sporthalle Tarabucos; unter anderem kam Calamarca, eine in Bolivien sehr bekannt Volksmusikgruppe.
Sonntag dann war die hauptsächliche Feier: Mit einer großen Pukara wurden die Gefallenen der Schlacht geehrt, und – wie bei eigentlich allen bolivianischen Fiestas – es wurde getanzt, und zwar den typischen Pujllay-Tanz, der nur zu dieser Gelegenheit und auch nirgendwo sonst in Bolivien zelebriert wird. Für den vorigen Satz ist wahrscheinlich eine kleine Begriffserklärung nötig: Eine Pukara ist eigentlich ein großer Turm, der mit unglaublichen Mengen an Essen behangen wird – frischen Ernteprodukten, Obst, Gemüse, aber auch Plastikflaschen mit Softdrinks, Konservendosen und Fleisch. Richtig vorstellen kann man sich das aber eigentlich auch erst, wenn man’s mal gesehen hat.
Insgesamt war Pujllay (was auf Quechua Spiel, Tanz und Freude bedeutet und übrigens auch Unesco-Weltkulturerbe ist) also schon eine tolle Fiesta – ganz an die durch Erzählungen und Bilder hochgeschraubten Erwartungen reichte es aber doch nicht heran.

SAM_0089

die Pukara

SAM_0132

SAM_0095

typische Kleidung der Pulljay-Tänzer

Nach dem día del mar (dem Tag des Meeres) am folgenden Mittwoch – an dem wir mit selbst gebastelten Schildern „QUEREMOS NUESTRO MAR“(Wir wollen unser Meer), „MAR PARA BOLIVIA“ über den Schulhof marschierten und eine Hymne ans Meer sangen, das Bolivien nach einem Krieg im Jahre 1884 an Chile verlor – ging es gleich am nächsten Wochenende weiter mit Ostern. Der Karfreitag war frei, wir nutzten ihn aber, um das typische Karfreitagsessen zuzubereiten. Wobei es das typische Karfreitagsessen eigentlich gar nicht gibt, denn in Bolivien werden traditionell zu Karfreitag zwölf Gerichte ! (alle ohne Fleisch, nur mit Fisch) zubereitet, obwohl heutzutage kaum jemand tatsächlich alle davon macht. Wir haben immerhin sechs geschafft! Kein Wunder, dass die Zubereitung da schon einmal den ganzen Vormittag dauerte, und da hier karfreitags traditionell bis mittags gefastet wird, hatten wir dann auch ordentlich Hunger. Natürlich isst man nicht von jedem Gericht eine ganze Portion, sondern man bekommt von allem etwas auf den am Teller gehäuft, der anschließend doch etwas überfüllt war. Fisch, Kürbiskompott, Ají de avejas (Erbsen in einer scharfen Sauce mit Käse), Yuca (eine Wurzel, ein bisschen wie Kartoffeln und sehr lecker), Nudeln mit einer Zwiebelsauce und zum Nachtisch noch Milchreis – es versteht sich von selbst, dass wir danach erstmal ein Verdauungsschläfchen brauchten.
So also der Karfreitag – an Ostern haben wir keine neuen Traditionen kennengelernt. Es scheint, als wäre es hier kein allzu besonderer Tag, auch wenn man vereinzelt (und überteuert) Schokoladeneier kaufen konnte.

1456235004383

BOLIVIEN WILL SEIN MEER – Tag des Meeres an der Außenschule

SAM_0233

Karfreitagsgerichte

In der folgenden Woche dann mussten wir an der Dorfschule G.Mendieta kein einziges Mal unterrichten – es war ja schließlich Jubiläum und somit die ganze Woche Programm. Zunächst wurden die Schule ordentlich geputzt und unglaubliche Mengen an blau-weißen Fahnen (die Schulfarben) gebastelt. Dann gab es einen Sportwettkampf, eine abendliche Fiesta mit Live-Musik und abschließend marschierten alle Schüler und Lehrer in ihren schicksten Klamotten zu den Klängen der schuleigenen banda einmal fähnchenschwingend durch Tarabuco. Also eine ganze Woche durchgehend Programm – und zum wievielten Geburtstag? Wir hätten wetten können, dass es bei soviel Aufwand mindestens etwas Rundes sein müsse, wenn nicht sogar 100 Jahre. Aber nein, nichts dergleichen, sondern 78 – natürlich eine stolze Zahl, aber unserer Meinung nach nicht unbedingt ein Grund für fünf Tage Party…

SAM_0164

die stolze banda in ihren Kostümen

SAM_0204

SAM_0208

Marschieren

Etwas moderater lief das Jubiläum der Außenschule in Jumbate ab – hier konnte uns nicht mal jemand ganz genau sagen, der wievielte Geburtstag gefeiert wurde; und es fiel auch keine Schule aus. Stattdessen kam an einem Samstag das gesamte Dorf auf dem Schulhof zusammen. Zunächst wurde eine Pukara aufgebaut, in etwas kleinerem Format als bei Pujllay natürlich, und um diese tanzten dann die Schüler sowie Tami und ich. Zu diesem Anlass wurden wir von den begeisterten Kindern in traditionelle Cholita-Kleidung gesteckt, also Kleidung, die in Bolivien gerade auf dem Land noch viele Frauen täglich tragen: Rock, Bluse, Sandalen und geflochtene Zöpfe. So ganz mein Geschmack ist das Ganze nicht, das Outfit ist wenig figurschmeichelnd und, gerade jetzt in der Regenzeit, auch nicht besonders wärmend. Es war trotzdem spannend, einmal die Kleidung anzuprobieren, die ein Großteil der Frauen in Tarabuco täglich trägt – geliehen hatten wir sie übrigens von den Schwestern und Müttern unserer Schüler.

SAM_0446

Die Pukara wird aufgestellt…

SAM_0478

…und fertig.

SAM_0505

traditionelle Cholita-Kleidung

SAM_0487

tanzen um die Pukara

Das letzte in der Reihe der Feste (bis jetzt) war der día del niño (Tag der Kinder) am 12. April. Natürlich gab es an diesem Tag keinen Unterricht, sondern Bespaßung für die Kinder – die Lehrer tanzten in albernen Kostümen (auch diese wurden uns geliehen – ich sollte einen Schlumpf darstellen…) auf dem Schulhof, es gab Spiele und Geschenke.

SAM_0542

mit (ein paar) unserer Kolleginnen in den albernen Kostümen zur Belustigung der Kinder

SAM_0557

SAM_0593

Tanzen auf dem Schulhof

Abgesehen von den ganzen Fiestas ging der Alltag hier normal weiter. Die Regenzeit neigt sich dem Ende zu; wir haben immer noch viele neblige Tage, aber auch wieder viele Sonnenstunden und strahlend blauen Himmel. Bis jetzt ist also auch die Umgebung noch schön grün und Wasser reichlich vorhanden – voraussichtlich ändert sich das aber bald wieder. Der Nebel, sofern existent, beschränkt sich aber anscheinend genau auf die Höhe des Dorfes, denn als wir neulich bei einem morgendlichen Spaziergang einen Berg bestiegen, durchbrachen wir ihn und befanden uns plötzlich über den Wolken – ein großartiger Ausblick.

SAM_0266

die (noch) grüne Umgebung Tarabucos

1459421288263

auf dem Berg überm Nebel

Jetzt, wo der Abflug immer schneller näher rückt (Kaum noch mehr als drei Monate!) fallen einem plötzlich wieder die ganzen Sachen ein, die man in seinem Jahr hier machen wollte. Ob Ausflüge (wir wollten doch noch nach Tarija, Icla, Cajamarca, Camiri…), angesichts derer die Anzahl der verbleibenden Wochenenden in Bolivien erschreckend klein wirkt oder Projekte, hier im Haus oder mit den Kindern – die Zeit rennt uns davon! Schon muss man auch anfangen, sich Gedanken über die freien Wochen am Ende des Jahres zu machen – will ich in den Regenwald im Norden, runter nach Santa Cruz oder gar noch nach Peru, um Machu Picchu zu sehen? Denn dass ich reisen will, ist klar – oder ist die Zeit hier in Tarabuco nicht sowieso viel zu kurz? Und als ob das alles nicht reichte, nein, auch Gedanken über das, was nach dem Jahr kommt, muss ich mir langsam machen.

Aber zu viele Sorgen mache ich mir bis jetzt nicht – das würde sowieso nicht mit der bolivianischen Entspanntheit zusammenpassen, die ich mir hier angeeignet habe – es liegt ja auch noch mehr als ein Viertel des Jahres vor mir; und das werde ich ganz bestimmt genießen!

Liebe Grüße,
Mareile

SAM_0598SAM_03991457973164510

Alltag, Streik und Volksabstimmung

Schon etwas mehr als einen Monat bin ich jetzt von meinem Urlaub zurück, und mittlerweile ist auch der Alltag wieder eingekehrt. Bis das allerdings so weit war, dauerte es eine ganze Weile.
Voller Motivation (Naja, mehr oder weniger – meine Gedanken lagen noch sehnsüchtig am Strand) begaben wir uns an unserem ersten Schultag in die Escuela Mendieta, nur um gesagt zu bekommen, dass wir noch weitere zwei Wochen nicht zu kommen bräuchten. Vor unserem inneren Auge formten sich schon Bilder von Santa Cruz, Regenwald, Karneval in Brasilien… Und schleunigst wurden die gerade erst entleerten Taschen wieder gepackt und der nächste Bus nach Sucre genommen, um von dort weiterzureisen – soweit zumindest der Plan. Doch wenn man etwas in Bolivien lernt, dann ist es Spontanität und Gelassenheit, denn Pläne funktionieren oft nicht so, wie man es vorhatte. So auch dieses Mal: Anstatt in Sucre einen Bus Richtung unverhoffter Urlaub zu nehmen, blieben wir stecken.
Bloqueo im ganzen Land lautete die Diagnose. Auf Deutsch: Die Lastwagenfahrer des Landes waren aufgrund von Steuererhöhungen unzufrieden, also stellten sie sich kurzerhand mit ihren Wagen quer über alle wichtigsten Straßen Boliviens – und das ganze Land war lahmgelegt. Nicht nur wurde so das Reisen geradezu unmöglich, auch der Waren- und Lebensmitteltransport musste fürs Erste ausfallen. Insgesamt dauerte dieser Streik übrigens knapp über eine Woche, wonach die tiendas (Läden) in den meisten Dörfern schon einiges leerer aussahen und auch viele Lebensmittel teurer geworden waren….

1455030811698

1454702483439

Kein Durchkommen mehr

„Klar kommt ihr noch nach Santa Cruz“ wurde uns zwar schließlich in Sucre am Terminal berichtet, „Ihr müsst eben nur an drei verschiedenen Stellen mitsamt Gepäck jeweils 15km laufen!“. Auf dieses Vergnügen verzichteten wir dann doch lieber, und machten uns dann ein paar sehr entspannte Tage in Sucre, auch wenn man sich dieser Tage auf den Straßen dort sehr unsicher fühlte… Karneval nahte nämlich. In Bolivien bedeutet das, dass man friedlich und nichtsahnend durch die Stadt läuft und plötzlich wird man am Rücken von einer kalten Wasserbombe getroffen – und das ungefähr zehnmal auf unserem fünfminütigen Weg in die Innenstadt. Schnell gewöhnten wir uns an, das Handy lieber zuhause zu lassen und uns zudem selbst mit Plastiktüten voller wassergefüllter Luftballons zu bewaffnen – wodurch wir natürlich zu einem noch offensichtlicheren Ziel wurden. Zum Glück war es meist sonnig, sonst hätten wir uns mit unseren dauerdurchnässten Kleidern sicher eine Erkältung geholt…
Das Karnevalswochenende selbst verbrachten wir aber nicht in Sucre – wir hatten uns entschieden, unsere freie Zeit wenigstens zu nutzen, um andere Freiwillige zu besuchen. Eine Straßensperre mussten wir zwar trotzdem durchqueren; ungefähr eine Stunde liefen wir als zwischen geparkten Lastwagen durch, stiegen über am Boden liegende Stacheln und duckten uns unter gespannten Seilen durch, die dem Zweck dienten, auch Motorräder am Durchfahren zu hindern, zusammen mit vielen anderen Menschen… und nach der Sperre nahmen wir dann endlich einen Bus, der uns zunächst nach Sopachuy brachte, ein kleines, friedliches Dorf ungefähr fünf Stunden von Sucre. Auch dort war es sehr entspannt – eine Wasserschlacht lieferten wir uns aber noch mit den anderen Freiwilligen und deren Gastfamilie.

DSC_1750b
Von dort ging es dann am Montag weiter zu den nächsten Freiwilligen nach Monteagudo, weiter Richtung Südosten und Hitze – bei den weit über 30 Grad dort entschieden wir uns lieber, den Nachmittag im kühlen Wasser eines Flusses zu verbringen. Am nächsten Tag wurden wir dann von den Nachbarn unserer Freunde kurzerhand zu einer kleinen Party auf deren Bauernhof eingeladen, wonach sie uns auf dem Pick-Up mit durch die Stadt nahmen, und wir unschuldige Passanten mit Wasserbomben bewarfen – Karneval eben. Dann wollten wir zurück nach Tarabuco; und es folgte die schlimmste Busfahrt meines Lebens…
Das fing schon an, als wir um 19:00 am Bus ankamen. Es regnete nämlich in Strömen, und das Gefährt, in dem wir Sitze gebucht hatten, hatte unpraktischerweise Löcher im Dach – eines genau über meinem Platz. In meine Regenjacke eingewickelt versuchte ich mir einzureden: „Sind ja nur 8 Stunden, das hältst du aus…“ Aber von wegen. Irgendwann mitten in der Nacht blieb der Bus stehen und fuhr auch erstmal nicht mehr weiter. Erst am nächsten Morgen, als wir hungrig und durchnässt aus einem Halbschlaf erwachten (zu einer Zeit, in der wir eigentlich schon in Tarabuco hätten sein sollen), erkannten wir den Grund: Vor uns hing ein anderer Reisebus mit einem Rad im Abgrund neben der sehr schmalen Straße und kam so weder vor noch zurück. Erst um 9 Uhr war er endlich befreit, und es konnte weitergehen – da waren wir also schon 14 Stunden ohne etwas zu Essen unterwegs. Noch war unsere Odyssee aber nicht vorbei: Ein paar Stunden später standen wir schon wieder. Und diesmal war es unser Bus, der eine Panne hatte. Irgendwann war diese endlich repariert, es ging weiter und endlich, endlich erreichten wir um 19:00 Tarabuco, nach einer 24-stündigen Fahrt. Ich war noch nie so glücklich, etwas zu essen!
Wie wir allerdings jetzt erfahren mussten, sind wir mit unseren 24 Stunden noch ganz gut dran gewesen – eine andere Freiwillige brauchte neulich für die gleiche Strecke 50 Stunden.

1455125368926

Noch einmal Glück gehabt und nur halb im Abgrund…

So weit also unser Urlaub – und dann ging es doch endlich los mit Alltag. Abgesehen davon, dass ich jetzt zwei Mal in der Woche an der Außenschule unterrichte, hat sich eigentlich nicht besonders viel dem letzten halben Jahr gegenüber geändert. Ich gehe also dreimal in der Woche zur Escuela G. Mendieta und zweimal fahre ich nach Jumbate – mittlerweile bewältige ich den Weg dorthin übrigens meistens mit dem Fahrrad. Auf dem Hinweg ist das eine sehr angenehme Weise, die 6km zu bewältigen, denn es geht immer schön bergab… auf dem Rückweg sieht das schon anders aus.
Der Unterricht in Jumbate gefällt mir immer besser, und ich freue mich immer sehr auf die Montage und Mittwoche. Ich unterrichte dort jetzt die 5.Klasse (drei Schülerinnen) und die 3. und 4. gemeinsam (zusammen sechs Schüler). Vielleicht liegt es an den kleinen Klassen, oder auch an der fortwährenden Motivation und Begeisterung der Kinder, jedenfalls gefällt mir Unterrichten dort besser als an meiner anderen Schule, und ich habe auch das Gefühl, besser voranzukommen.
In den Pausen zeigen mir die Kinder oft begeistert die Umgebung, pflücken mir Blumen und überredeten mich auch mal kurzerhand letzte Woche – am ersten richtigen Sonnentag seit langem – mit ihnen im Fluss hinter der Schule baden zu gehen.

1455973936166

Zahlen auf englisch mit der 5. Klasse

1457531999678

Fußball in der Pause

1458145196752

Baden im Fluss

Die Umgebung Tarabucos hatte sich während unserer Abwesenheit im Januar grundlegend verändert: Plötzlich ist alles grün! Statt brauner Erde, über die sich ein blauer Himmel spannt – unsere normale Aussicht im letzten halben Jahr – sehen wir jetzt grüne Felder in Kombination mit einem meist wolkenverhangenen Himmel und Nebel. Dazu kommt oft ein unangenehmer Nieselregen und eine Kälte, die einen den Tag am liebsten im Bett verbringen lassen würde. Ein paar positive Effekte: Wir haben endlich genug Wasser, um so oft und so ausgiebig zu duschen, wie wir wollen; und außerdem gibt es auf dem Markt unglaublich viele, billige Früchte zu kaufen, von denen ich teilweise noch nie zuvor gehört hatte: Tuna (Kaktusfrucht), Guayaba, Tumbo, oder Chirimoya.

1454449000042

Früchtegroßeinkauf: Bananen, Trauben, Granatapfel, Avocado, Tuna, Pfirsich, Guayaba, Feigen

Spannend wurde es in Bolivien um den 21. Februar herum: Eine Volksabstimmung stand an. Würden die Bolivianer SÍ oder NO zur Verfassungsänderung sagen? Bis jetzt war nämlich für jeden Präsidenten eine maximale Amtszeit von 2×5 Jahren vorgesehen – doch der aktuelle Präsident, Evo Morales, wollte dies gerne ändern und dem Land die Möglichkeit geben, einen Präsidenten unendlich wiederzuwählen. Schon Monate vorher waren überall im Land riesige Plakate aufgetaucht, und kaum eine Wand war zu finden, an die nicht groß SÍ POR BOLIVIA oder SÍ TENEMOS FUTURO CON EVO MORALES gepinselt war. Doch all die Werbung half offensichtlich nichts: Das NO siegte, sehr zur Freude unserer Gasteltern und vieler anderer Bolivianer, mit denen ich darüber gesprochen habe, von denen einige fast so klangen, als hätte dieses NO gerade die drohende Diktatur Evo Morales verhindert.

 

Was es sonst neues gibt? Eigentlich nicht besonders viel.
Vor ein paar Wochen wurde ein neues Gebäude der Schule in Lajas – wo Frieder arbeitet – eingeweiht, und abgesehen von allen Lehrern der umliegenden Dörfer war auch der Vizepräsident Álvaro García Linera eingeladen, der mit dem Helikopter anreiste, mit den Schülern tanzte und eine ziemlich antiamerikanische Rede hielt. Die ganze Aufregung vorher bedenkend, war es insgesamt doch ziemlich langweilig…

1456930297110

1456930628162

Tanzen zur Einweihung

Die Zeit fliegt hier weiter einfach dahin– oder sogar noch mehr als zu Anfang. Nur noch etwas mehr als vier Monate darf ich in Tarabuco bleiben und schon jetzt graut es mir bei dem Gedanken an den Abschied. Und sonst? Am Wochenende steht ein riesiges Fest in Tarabuco an, Pujllay, bei dem der Sieg der Tarabuceños über die Spanier im Jahr 1816 gefeiert wird – dieses Jahr ist 200-jähriges Jubiläum. Danach ist Ostern; auf die bolivianischen Traditionen zu diesem Fest bin ich auch sehr gespannt.
Hoffentlich hört auch die Regenzeit bald auf, etwas schlechte Laune macht die dauernde Bewölkung dann doch…

Ich melde mich (hoffentlich) bald wieder – wie gesagt, die Zeit verfliegt hier einfach.
Liebe Grüße,

Mareile 🙂

Unterwegs…

Die größte Salzwüste der Welt, den höchsten Berg Boliviens, sprudelnde Geysire, Sonnenuntergänge, das Innere eines Berges, die Welt von oben und einen See von der Größe eines Meeres – viel habe ich gesehen im letzten Monat…
Wahrscheinlich könnte ich ein halbes Buch schreiben über die Erfahrungen, die ich gemacht, die Landschaften, die ich gesehen und die Menschen, die ich kennengelernt habe. Aber wie heißt es gleich? Bilder sagen mehr als tausend Worte. Also werde ich versuchen, mich kurz zu fassen und stattdessen meine Fotos für mich sprechen lassen.

Unbenannt

Reiseroute: 1. Titicacsee / Isla del Sol — 2. La Paz — 3. Tour durch einen Nationalpark — 4. Potosí — 5. Nationalpark Sajama — 6. Arica — 7. Cochabamba –8. Sucre

1. Station – Titicacasee
Mit 3810m der höchstgelegene schiffbare See der Welt (in dem übrigens auch die bolivianische Marine in Ermangelung eines Meeres ihre Übungen durchführt), eine unendliche, glatte, blaue Wasserfläche, mehr als dreimal so groß wie das Saarland – der Titicacasee ist wirklich atemberaubend. Wir haben dort ein paar Tage auf der Isla del Sol, der „Sonneninsel“, verbracht. Und die machte ihrem Namen alle Ehre – jeden Tag erstreckte sich ein strahlend blauer Himmel über uns. Auch sonst ist die Isla ein perfektes Urlaubsziel – kristallklares Wasser, Sandstrände, leckeres Essen und dazu noch ein bisschen Kultur: Einen Tag verbrachten wir damit, die sogenannte ruta sagrada de la eternidad del sol, („heiliger Weg der Unendlichkeit der Sonne“) zu wandern. Die Sonneninsel war nämlich in der Zeit der Inka ein wichtiges religiöses Zentrum, und noch heute kann man Überreste ihrer Tempel und einen Opfertisch finden, sowie die von ihnen gebaute Straße von der Nord- zur Südspitze der Insel begehen, eine tolle, circa vierstündige Wanderung mit großartigen Aussichten – im Osten thronen schneebedeckte Gipfel über dem See, im Norden dagegen ist überhaupt kein Ufer mehr zu sehen und der See scheint in die Unendlichkeit weiter zu gehen.
Abgesehen von dieser einen Wanderung verbrachten wir die Tage aber sehr entspannt am Strand oder in den kleinen Dörfern Challapampa und Challa – dort wohnen übrigens zwei Freiwillige aus unserer Gruppe. Auch baden waren wir natürlich, aber allzu lange blieben wir nicht im doch sehr kalten Wasser. Übrigens ist der Titicacasee mit 3% Salzgehalt der salzigste Süßwassersee der Erde – ursprünglich war er eben mal ein Meer – geschmeckt hat man das aber nicht.

1

In den kalten See springen

2

Wenn ihr genau hinguckt, seht ihr die Gipfel der cordillera real im Hintergrund

4

5

Mittagessen mit Ausblick

3

Die Inkaruinen

2. Station – La Paz
Vom Titicacasee ging es dann ein paar Tage über Silvester in die inoffizielle Hauptstadt Boliviens – eigentlich hat Sucre zwar noch diesen Titel inne, aber in La Paz sitzt nicht nur die Regierung, die Stadt ist auch einiges größer und wirtschaftlich wichtiger. Die eine Million Einwohner (plus noch einmal eine Million in El Alto, der umliegenden Stadt, die mit La Paz verwachsen ist) leben in einem Talkessel, der in circa 3100 – 4100m Höhe liegt. Damit ist La Paz die höchstgelegene Großstadt der Welt, und eine der spektakulärsten Städte, die ich je gesehen habe. Wenn man im Zentrum steht, sieht man die umliegenden, voll bebauten Hängen rundherum in die Höhe steigen – besonders nachts ein großartiger Anblick. Wenn man übrigens vom Zentrum nach oben will, bedient man sich am besten des teleféricos, einer von der österreichischen Firma Doppelmayr gebauten Seilbahn; es gibt schon drei Linien in verschiedenen Teilen der Stadt und noch ungefähr zehn weitere sind in Planung oder Konstruktion. Von oben dann sieht man erst richtig, wie groß La Paz eigentlich ist – ein spektakulärer Anblick, mit schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund.
Toll waren auch das Valle de la Luna, ein Tal mit bizarren Steinformationen am Rande der Stadt, und der Hexenmarkt, auf dem man alle möglichen Heilmittel und Talismane kaufen kann – unter anderem auch getrocknete Lamaföten.

5b

Talismane im Hexenmarkt

5a

La Paz aus der Seilbahn – der Illimani im Hintergrund

3. Station – Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Avaroa
Unsere Reise führte uns weiter in einen der beeindruckendsten Nationalparks Boliviens. Zunächst fuhren wir von La Paz aus nach Uyuni, ein kleines, unspektakuläres Städtchen mitten im Nichts. Von dort aus startete unsere dreitägige Tour im Jeep durch den unbewohnten Südwesten des Landes. Die erste Station: der Salar de Uyuni, die größte Salzwüste der Erde, entstanden aus dem gleichen Meer wie der Titicacasee. Eine unglaublich surreale Landschaft: Weiß, weiß, weiß, wohin man blickt, nur durchbrochen von einigen Inseln, die sich spiegeln und daher zu schweben scheinen. Eine dieser, die Isla Incahuasi, bestehend aus versteinerten Korallen, besuchten wir auch. Besonders viel Vegetation gab es dort nicht, immerhin aber doch die größten Kakteen, die ich jemals gesehen habe.

11

die Unendlichkeit des Salar de Uyuni

10

Wunderbar geeignet für optische Täuschungen

11a

Kakteen auf der Isla Incahuasi

Unseren Kopf betteten wir an diesem Abend übrigens in einem Hotel aus Salz.
Am nächsten Tag ging es dann weiter in den Süden, durch die vegetationsarme, trockene, aber doch eindrucksvolle Landschaft des Nationalparks. An verschiedensten Orten machten wir halt, unter anderem sahen wir den arbol de piedra, ein bizarre Steinformation und die laguna colorada, eine Lagune, deren Wasser aufgrund von Mineralien dunkelrot gefärbt ist: eine Landschaft krasser farblicher Gegensätze mit blauem Himmel, grünem Gras, rotem Wasser und schwarzem Stein. Beeindruckend waren auch die verschiedenen Tierarten, die wir sehen konnten, darunter zum Beispiel Vicuñas und Flamingos an den Lagunen.
Die darauffolgende Nacht war eiskalt, der Sternenhimmel aber unbeschreiblich. Früh am nächsten Morgen ging es schon wieder los, zum Geysirfeld Sol de la mañana, wo es blubberte, zischte, dampfte und zugegebenermaßen auch ziemlich stank. In der Nähe gibt es noch ein paar heiße Quellen, in denen wir mit großartiger Aussicht baden konnten, bevor es auf den Rückweg nach Uyuni ging.
Ich habe mich jetzt ziemlich kurz gefasst, denn letztendlich ist es doch sehr schwer, Landschaften ausreichend zu beschreiben. Ich hoffe aber einfach, das meine Fotos euch wenigstens ein bisschen diese unglaublich vielfältige, beeindruckende, unwirkliche Region näher bringen können…

7

Der arbol de piedra, der “Baum aus Stein”

6

Flamingos an einer Lagune

8

Die rote laguna colorada

9a9

13

wir an den Geysiren

14

ein heißes Bad genießen

12

riesige Steinformationen

4. Station – Potosí
Einst eine der wichtigsten und reichsten Städte der Welt, das größte jemals gefundene Silbervorkommen, und Tod von ca. 8 Millionen Menschen – das ist Potosí. Das im dortigen Cerro Rico vorhandene Silber wurde in der spanischen Kolonialzeit erbarmungslos abgebaut, wobei viele versklavte Minenarbeiter den Tod fanden. Auch heute leben noch viele Menschen vom Bergbau, auch wenn der Berg längst nicht mehr so ergiebig ist. Wir verbrachten dort zwei Tage. Am ersten machten wir eine Tour durch die Minen – unvorstellbar, unter welchen Konditionen dort heute noch Menschen arbeiten. Es ist dunkel, eng und stickig dort, und ich wollte nach zwei Stunden Tour nichts weiter, als wieder frische Luft zu atmen. Leider gibt es in Potosí aber kaum Industrie, und in der Höhe von 4100m ist auch Landwirtschaft kaum möglich, deswegen bleibt vielen nichts anderes übrig, als in die Minen zu gehen. Nach diesem Besuch blieb jedenfalls in uns allen ein etwas beklommenes Gefühl zurück… Am zweiten Tag dann ging es in das casa de la moneda, ein großes Museum über den Bergbau und die wichtigste Münzprägungsstelle Südamerikas. Übrigens ist auch das heutige US-Dollarzeichen aus dem Kürzel für Potosí (P, S und I übereinander) entstanden…

15

bereit für die Minen

16

die engen Stollen

5. Station – Parque Nacional Sajama
Nach Potosí teilte sich unsere Gruppe auf: Während der Rest nach Iquique in Chile fuhr, ging es für Tamara und mich in den Nationalpark Sajama an der Grenze. Dort hinzukommen war gar nicht so einfach… erst mussten wir von Potosí nach Oruro, von dort einen Bus nach La Paz nehmen, aber vorzeitig in der sehr kleinen (und hässlichen) Stadt Patacamaya aussteigen, von wo dann ein Minibus in das Dorf Sajama fuhr, was verloren mitten im Nirgendwo liegt.
Der Nationalpark selbst ist ungemein eindrucksvoll. Eine recht feuchte, Landschaft, bevölkert hauptsächlich von Lamas, dazu felsige Hügel und kleine Dörfer, alles immer eingerahmt vom schneebedeckten Nevado Sajama, dem größten Bergs Boliviens mit 6542m, und den sogenannten „Zwillingen“, zwei anderen Vulkanen, die auf der Grenze zu Chile liegen.

20

Die Kirche in Tomarapi mit dem Sajama im Hintergrund

18

Hallo Lama

22

Die Zwillingsvulkane

Von der Landschaft her erinnerte die Gegend ein bisschen an die Region um den Salar de Uyuni, allerdings gab es hier weit und breit keine Touristen. Wir machten zwei wunderbare Wanderungen: Am ersten Tag ging es zu Geysiren, die zwar auf ersten Blick nicht ganz so beeindruckend waren, wie die, die wir schon kannten, weil sie weniger dampften und zischten, dafür hatten sie aber einen unbestreitbaren Vorteil: Weil sich das heiße Wasser von ihnen mit dem Wasser eines kühlen Flusses zu einer sehr angenehmen Temperatur mischte , konnte man dort wunderbar baden.

19

Blubbert und dampft nicht, aber trotzdem heiß

25

kugeliges Moos

Am nächsten Tag dann standen wir sehr früh auf in Richtung Nevado Sajama. Besteigen wollten wir ihn zwar nicht, das hätte unsere Kräfte dann doch überstiegen, aber immerhin das Basiscamp am Fuße des Vulkanes trauten wir uns zu. Angeblich eine recht einfach, gut ausgeschilderte Wanderung. Von wegen: Beim ersten Schild bogen wir ab, und von da an hatten wir den Weg verloren. Nicht durch unsere Schuld allerdings: Das Schild war ungefähr 100m vor dem tatsächlichen Weg platziert. Wie durch ein Wunder schafften wir es aber doch bis zum Basiscamp: wir liefen einfach durch die Wildnis, überwanden die Berge im Weg, immer in Richtung Sajama. Und von einer Anhöhe aus sahen wir dann endlich den Weg, den wir eigentlich hätten nehmen sollen. Insgesamt brauchten wir aber mehr als sieben Stunden für den Hinweg, anstatt der angekündigten vier. Trotzdem will ich behaupten, dass unsere Variante die eindeutig schöneren Aussichten bot – übrigens haben wir durch unseren Umweg auch aus Versehen den ersten 5000er unseres Lebens bestiegen. Außerdem machten wir die Bekanntschaft eines viscachas, eines sehr scheuen, kaninchenähnlichen Tieres.

21

der nevado Sajama im letzten Tageslicht

24

Auf 5000m Höhe über dem Nationalpark

17

Geschafft! Am (unspektakulären) Basiscamp am Fuße des Sajama

23

Lamas im Sonnenuntergang

6. Station – Arica
Einen stärkeren Kontrast zum kalten, windigen, nassen Nationalpark hätten wir uns glaube ich kaum aussuchen können: Nach einer frühmorgendlichen Fahrt per Anhalter vom Dorf Sajama zur Grenze und dem ewigen, nervigen Warten und Papierkram dort, nahmen wir einen Reisebus an die chilenische Pazifikküste, nach Arica. Die Fahrt dauerte nur circa 4 Stunden, in denen wir dann über 4000 Höhenmeter nach unten fuhren, erst durch das chilenische Gegenstück des Nationalparks Sajama und dann immer durch die Wüste – bis plötzlich das Meer zu sehen war. Die Wüstenberge reichen dort wirklich bis direkt an die Küste! Die Tage in Arica waren wunderbar entspannt – warmes Wetter, Palmen, am Strand liegen, in den hohen Wellen des Pazifik baden… und, etwas aufregender, Paragliding. Von einer Klippe über Arica ging es los, Schirm anschnallen, Anweisungen bekommen, losrennen auf den Abgrund zu – und plötzlich flog ich. Es war großartig. Das schäumende, türkise Meer, die winzig kleinen Menschen am Strand, das merkwürdige Gefühl im Bauch… ziemlich unbeschreiblich.

26

I believe I can fly

DCIM143GOPRO

Wüste und Meer von oben

29

am Strand von Arica

7. Station – Cochabamba
Braungebrannt (oder auch rot) und tiefenentspannt verließen wir Arica, um mit einer 16-stündigen Busfahrt wieder nach Bolivien zu kommen, in eine der wichtigsten Städte des Landes. Cochabamba ist mit circa 800.000 Einwohnern zwar kleiner als La Paz und Santa Cruz, liegt aber in einem sehr fruchtbaren Tal und deswegen für die Wirtschaft sehr wichtig. In den zwei Tagen, die wir dort waren, verbrachten wir ziemlich viel Zeit auf dem riesigen Markt und schauten uns außerdem die Christusstatue an, die über der Stadt thront. Bekannt ist diese vor allem, weil sie ungefähr einen halben Meter größer ist als ihre berühmtere Schwester in Rio. Zu geizig um 8 Bolivianos (ca 1€) für die Gondel nach oben zu bezahlen, liefen wir in der Hitze die mehr als tausend Stufen nach oben – unsere Beine haben es uns am nächsten Tag gedankt.

DSCF9203

der Christus über Cochabamba

8. Station – Sucre
Nach einem wundervollen Urlaub ging es dann schließlich wieder in die „Heimat“, nach Sucre, wo wir ein Seminar hatten, bevor wir dann letztendlich zurück nach Tarabuco fuhren. So gerne ich auch noch weitergereist wäre – es war doch irgendwie schön, nach einem Monat unterwegs den Rucksack wieder auszupacken und mich heimisch einzurichten… und bald geht auch die Schule wieder los.

Außerdem ist -unglaublich, aber wahr- die Hälfte unserer Zeit hier fast vorbei. Die letzten sechs Monate sind wie im Flug vergangen und ich fürchte mich beinahe jetzt schon vor dem Ende… aber erst einmal freue ich mich auf das nächste halbe Jahr!

Bis bald,

Mareile 🙂

 

 

 

 

En mi lindo pueblo en la navidad…

…nadie está sentado, todos a bailar! (ungefähr: In meinem schönen Dorf an Weihnachten sitzt niemand, alle tanzen). Diese erste Zeile des hier sehr beliebten Weihnachtsliedes „Navidad en Serrano“, dass ich in den letzten Wochen viel gehört, gesungen und sogar auf der Panflöte spielen gelernt habe, fasst meine Erfahrungen mit dem bolivianischen Weihnachtsfest sehr gut zusammen. Heilige Nacht = Stille Nacht? Von wegen. Wie alle anderen fiestas hier ist auch Weihnachten mit lebhafter Musik, viel Tanz und natürlich einer Menge Essen verbunden. Hier kommt ein kleiner Überblick über meine Weihnachtszeit:

Advent – adviento
Die Vorweihnachtszeit, erfüllt von Arbeit hier im Haus und entspannten Tagen in Sucre oder Alcalá, war ein Kontrast zwischen Schwitzen in der Sonne und abendlichem Keksebacken bei Adventskranz und Let it snow oder Winter wonderland im Hintergrund. Und natürlich kam Weihnachten wie immer viel zu schnell…

SAM_7781

Kekse backen mit Steven

Kekse backen mit Steven

24. Dezember – Nochebuena
Das eigentliche Weihnachtsfest wird hier in Bolivien am 25. Dezember zelebriert. Trotzdem war auch schon am Vortag genug los; und es musste viel vorbereitet werden. Buñuelos backen und Kakao kochen, das Christkind mit Krippe aufbauen und das traditionelle Weihnachtsessen picana vorbereiten – langweilig wurde uns auf jeden Fall nicht. Einen Weihnachtsbaum gab es dagegen nicht zu schmücken: Obwohl der westliche Einfluss auf das Fest hier sonst vor allem aufgrund der kitschigen, buntblinkenden Lichterketten kaum zu übersehen ist, hat sich dieser Brauch doch noch nicht durchgesetzt. Stattdessen aber eben das niño, ein großes Christkind, das in seinem Korb auf einen Tisch gestellt und reichlich geschmückt wird: mit Zweigen, Sternen, Lichterketten, Geschenken und natürlich den restlichen Figuren einer typischen Weihnachtskrippe, Maria und José, Hirten, Könige, Tiere. Ebendieses Christkind spielt auch im Verlauf des Heiligabends eine große Rolle. Ab 18 Uhr nämlich wurden die Lichterketten eingeschaltet, unsere Tür geöffnet, Kakao, buñuelos und Kekse bereitgestellt und laute Weihnachtsmusik angeschaltet. Diese ist übrigens mit den getragenen, ruhigen, festlichen Weihnachtsliedern der deutschen Tradition nicht zu vergleichen, sondern zeichnet sich dagegen durch schnelle Rhythmen und lebhafte Melodien aus.

unser Christkind

unser Christkind

Im Laufe des Abends kamen dann Gruppen von Kindern aus dem Dorf zu uns in den Innenhof, um das dort platzierte niño durch den typischen Tanz anzubeten. In zwei Reihen stellt man sich vor dem Tisch mit Krippe auf, und entweder alleine oder zu zweit tanzt man in verschiedenen Figuren vom Christkind weg und dann wieder darauf zu, wonach der nächste an der Reihe ist. Natürlich nicht, ohne sich vorher zu bekreuzigen. Insgesamt eine sehr fröhliche, ausgelassene Angelegenheit, bei der auch viel gelacht wurde – natürlich mitunter mal über uns, da wir die hüpfenden Tanzschritte am Anfang nur mehr oder weniger gut hinbekamen. Ab und zu wurden wir auch nicht unbedingt angenehm an den Schulsportunterrricht erinnert, denn auch Purzelbäume gehörten zum Tanzrepertoire der Kinder.
Als Belohnung für das fleißige Anbeten unseres Christkindes gab es dann für alle Kinder einen heißen Kakao, einen buñuelo (frittierter, mit Anis gewürzter Teigkringel) – typisch für Weihnachten – und als Extra noch einen deutschen Weihnachtskeks. Und dann weitertanzen…
Auch eine banda kam irgendwann vorbei – Kinder und Jugendliche mit Panflöten, Trommeln und anderen Rhythmusinstrumenten, die unser Christkind mit ohrenbetäubender Musik verehrten. Auch die wurden natürlich mit Essen und Trinken belohnt.

SAM_7831

tanzen mit den Kindern

Tanzen mit den Kindern

Die Banda

Die Banda

bunuelos

buñuelos

Schließlich um 22 Uhr hieß es dann unser niño mitsamt Korb vom reich geschmückten Tisch zu nehmen, um es in die Kirche an der Plaza Tarabucos zu tragen. Dort wurde es, zusammen mit anderen Christkind-Puppen aus dem ganzen Dorf vor eine Krippe gestellt, sodass dann ein einziges trautes hochheiliges Paar über unzählige Jesuskinder wachen musste. Was mir dabei ganz besonders aufgefallen ist: Maria und José waren bolivianischen Aussehens und sogar in typische Tarabuco-Trachten gekleidet, der Großteil der Christkinder dagegen blond und blauäugig.

SAM_7859

Der Gottesdienst selbst hat mir auch echt gut gefallen, vor allem die schwungvollen Weihnachtslieder einer Band, die wir mit Klatschen begleiteten und die Weihnachtsgeschichte auf Spanisch. Übrigens wurde auch mitten im Gottesdienst zum Tanzen aufgefordert! Am Ende mussten wir unsere Jesuspuppe dann von vorne holen und zum padre tragen, der sie mit Weihwasser bespritzte und segnete. Teilweise fand ich das Ganze doch auch ein bisschen befremdlich, aber schön und vor allem interessant war es trotzdem.
Und auch nach diesem späten Gottesdienst war der Heilige Abend noch nicht vorbei: Wieder zuhause wurde als erstes das niño wieder platziert und dann gab es picana, das typisch bolivianische Weihnachtsessen, für das wir schon am Vormittag eine ganze Menge Gemüse schälen und schnippeln mussten: eine Suppe mit Karotten, Zwiebeln, Mais und viel Fleisch, die sehr lange kocht, bis alle Zutaten weich sind. Es war auf jeden Fall lecker, wenn auch nicht unbedingt besonders festlich: Ich bin es ja mittlerweile aus Bolivien schon gewohnt, dass Hühnchen- oder Kuhteile einfach mitsamt Knochen ins Essen geworfen werden, und man nach der Mahlzeit fast mehr Müll neben dem Teller liegen hat, als man überhaupt gegessen hat, aber ich hätte doch irgendwie nicht erwartet, dass auch bei der Weihnachtstafel alle ihre Hühnchenschenkel aus der Suppe in den Händen halten und abnagen…

SAM_7872

picana

Als dann alle aufgegessen (und sich die Hände gewaschen) hatten, ging es schließlich um kurz nach Mitternacht zur Bescherung mit unserer Gastfamilie und dann endlich ins Bett.

25. Dezember – navidad
Der tatsächliche Weihnachtstag war für uns hauptsächlich geprägt von Packen und Aufräumen –schließlich ging es dann heute Morgen los in den einmonatigen Urlaub. Trotzdem blieb noch Zeit für ein bisschen Feierlichkeit, zum Beispiel beim Frühstück mit vier Kerzen am Adventskranz. Auch kamen nochmal ein paar Kinder zum Musikmachen und Tanzen vorbei; und schließlich war auch noch die fiesta auf der Plaza in Tarabuco: Musikgruppen (oft in traditionellen Ponchos) und Tänzer, Kinder oder Erwachsene, die ihren Weg um die Plaza bahnten. Dazu eine ganze Menge Zuschauer und, wie bei jedem Fest hier, viele Essensstände. Auch das Tanzen verlief in typisch bolivianischer Manier: etwas chaotisch. Da tanzten mal zwei Gruppen ineinander, die laute Trommel war komplett aus dem Takt, ein Auto musste dringend über die Plaza oder ein paar Kinder blieben einfach stehen. Trotzdem irgendwie eine tolle Party, die auch noch bis spät in die Nacht weitergeführt wurde.
Insgesamt hätten meine Feiertage also dieses Jahr kaum unterschiedlicher von meinen gewohnten sein können, doch sie waren toll. Und fast glaube ich, dass mir mein nächstes Weihnachten in Deutschland fast ein bisschen zu ruhig und friedlich vorkommen wird, da mir die Idee doch gefällt, die Geburt Christi mit ausgelassenem Tanzen zu feiern.

Musiker auf der plaza

Musiker auf der Plaza

Weihnachtsbeleuchtung auf der plaza in Tarabuco - man beachte den Weihnachtsbaum in Bolivienfarben

Weihnachtsbeleuchtung auf der Plaza in Tarabuco – man beachte den Weihnachtsbaum in Bolivienfarben

Aber jetzt freue ich mich erstmal sehr auf das Jahr 2016, das ich – wahrscheinlich ein paar Stunden später als die meisten von euch – in La Paz begrüßen und dessen erstes Zwölftel ich reisend verbringen werde. Heute morgen verließen wir mit großem Backpacker-Rucksack bepackt Tarabuco, im Moment bin ich in Sucre und heute Abend geht es dann richtig los an den Titicacasee, die Isla del Sol, dann La Paz und so weiter… Aber davon erzähle ich dann nächstes Mal.

Zum Schluss wünsche ich euch allen feliz navidad y prospero año – frohe Weihnachten und ein frohes neues Jahr!
Mareile

Die Zeit verfliegt

Ich möchte gerne die These aufstellen, dass die Zeit in Bolivien schneller vergeht als im Rest der Welt. Anders ist mir nämlich nicht zu erklären, dass schon wieder Dezember ist und sich das Jahr 2015 somit langsam dem Ende nähert… Auch schon wieder eine Weile her ist das bedeutungsvolle Datum des 14. November; ein Tag, an dem wir uns alle kopfschüttelnd und geradezu fassungslos anguckten: Sind wir wirklich heute vor drei Monaten in Bolivien angekommen? Vor einem Vierteljahr? So lang kann’s doch unmöglich her sein, oder?

Es stimmt aber – mehr ein Viertel meiner Zeit hier ist mittlerweile schon rum. Wäre es hier wenigstens herbstlich oder vorweihnachtlich, vielleicht würde ich leichter in meinen Kopf bekommen, dass schon Dezember ist. Aber ganz im Gegenteil – hier beginnt jetzt der Sommer und damit die Regenzeit. Es gibt also schon einige stark bewölkte, neblige, regnerische Tage, an denen wir ordentlich frieren und die sich fast wie Herbst anfühlen. Insgesamt ist es aber wärmer geworden, es gibt immer noch genug Möglichkeiten sich einen Sonnenbrand oder –stich zu holen und der regelmäßigere Regen bewirkt außerdem, dass die Natur um uns langsam erwacht. Die Gegend um Tarabuco ist auch jetzt noch sehr trocken und recht kahl, aber es grünt. Auch in Sucre, wo jetzt eigentlich immer angenehmes bis fast zu warmes T-Shirt-Wetter vorherrscht (wenn auch unterbrochen von plötzlichen, aber schnell vorrübergehenden Gewittern), blühen die Bäume am Straßenrand und in den Parks – Da wirken die Sterne, Tannenbäume und Glocken der Weihnachtsbeleuchtung doch eher so, als wären sie dort vor ewigen Zeiten mal vergessen worden.
Der mit dem Sommer angekommene Regen führt übrigens auch dazu, dass unsere Wasserversorgung besser geworden ist; sofern wir vorher ein paar Minuten lang eine Pumpe anschmeißen, können wir inzwischen sogar duschen. Meistens zwar so eiskalt, dass man sich doch noch ein paar Mal überlegt, ob es jetzt wirklich nötig ist, aber es ist besser als nichts! Wie als Ausgleich führen aber die abendlichen Gewitter regelmäßig zu Stromausfall, der teilweise den ganzen Tag anhält. Das wiederum führt dazu, dass wir sehr viel Schlaf kriegen: Wenn es stockdunkel ist und der Akku der elektronischen Geräte den Geist aufgibt, weil man ihn nicht aufladen kann, dann bleibt einem halt hauptsächlich Schlafen übrig. Mal abgesehen davon, dass man bei der Dunkelheit, die dann höchstens durch Kerzenlicht erhellt wird, einfach viel früher müde ist.

Was gibt es sonst so Neues hier? Der Alltag, wie ich ihn in meinem letzten Post beschrieben hatte, ging im November wie gewohnt weiter, immer mal unterbrochen von angenehmen Überraschungen in Form von unerwarteten freien Tagen – sei es wegen Todos Santos, Lehrerbesprechung oder auch der Austeilung des jährlichen bono für alle Schulkinder. Gegen Ende November konnte man dann auch eine sinkende Motivation für Unterricht sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern beobachten: Das Schuljahr neigte sich dem Ende zu. Der tatsächliche Lehrstoff musste dann oft deutlich gesetzten Prioritäten weichen: Tanzen üben für die Abschlussfiesta, Tische umräumen für das Abschlussessen oder Basteln für die Abschlussausstellung. Das Schuljahr hier passt sich nämlich dem Verlauf des tatsächlichen Jahres an, und nach den abschließenden Prüfungen Mitte November folgte dann ein ähnliches Phänomenen wie man es bei uns im Juli beobachten kann: Unterrichtstechnisch läuft da nicht mehr besonders viel. Vor allem in der letzten Woche vor Ferienbeginn schrumpfte die Schülermasse dann auch etwas in sich zusammen. Trotzdem war das eine sehr spannende und unterhaltsame Zeit aufgrund der bereits erwähnten zahlreichen Abschlussveranstaltungen. Zum einen gab es da zwei Abschlussessen für die 6. Klassen, die jetzt ihre Schulpflicht abgeschlossen haben, die Schule verlassen und größtenteils nächstes Jahr auf die weiterführende Schule gehen werden. Die gesamten Tische aus den Klassenräumen wurden also auf den Schulhof verfrachtet und Lehrer und Sechstklässler genossen das Essen – natürlich nach ein paar Reden, die auf Seite der Schüler oft etwas gezwungen wirkten. Einmal gab es Saice, ein sehr leckeres Gericht mit Fleisch, Gemüse, Reis und Kartoffeln, das für uns beiden Deutschen ausgesprochen doch ziemlich lustig und nicht ganz so appetitlich klang…

Sehr viel Essen gab es auch bei der sogenannten exposición: Zum Ende des Jahres stellten alle Klassen in ihren Räumen vor, was sie handwerklich und künstlerisch dieses Schuljahr so geleistet hatten und Lehrer, Eltern und Schüler waren eingeladen, den ganzen Vormittag durch diese Räume zu schlendern und die kreativen Bastelaktionen zu begutachten: Vasen, Stickereien, gebastelte Tiere, Bilder … bei sehr vielen Produkten wurde auch recycelt und alte Flaschen, CDs oder Plastiktüten benutzt. In jedem Klassenraum boten die Schüler auch etwas für den Gaumen an, ob verschiedene herzhafte Gerichte, Kuchen oder selbst gemachte Erfrischungsgetränke. All dies wurde einem geradezu hinterhergeschmissen, kaum hatte man einen Klassenraum betreten hielt man zwei verschiedene Spezialitäten in der Hand, sodass wir letztendlich gezwungen waren, den Rest in einer Plastiktüte mitzunehmen.

SAM_7306

SAM_7362

SAM_7303
Bereits am Abend vorher hatte es eine ähnliche Präsentation der Schüler auch für die Fächer Sport und Musik gegeben: Im Coliseo, der großen Sporthalle Tarabucos, gab es eine vierstündige Aufführung aller Klassen mit verschiedenen Tänzen und sportlichen Leistungen. Es war total cool, meine gesamten Schüler in ihren bunten Tanztrachten zu sehen, wie sie nervös auf ihren großen Auftritt warteten und letztendlich mehr oder weniger souverän die Tanzschritte meisterten – ein bisschen hab ich mich gefühlt wie eine stolze Mutter…

SAM_7214

Yhonatan und Silvia

SAM_7374

Sechstklässler in ihren Kostümen

SAM_7287

Richtig beendet wurde das Schuljahr dann einmal durch die Promoción der Inicial (Vorschule), mit der die Kinder offiziell in die erste Klasse aufgenommen wurden. Es gab zu dem Anlass sogar solche Abschlusshüte, wie man sie aus amerikanischen Filmen vom Collegeabschluss kennt… Am ersten Dezember war dann die offizielle Abschlussveranstaltung mit Verabschiedung der Sechstklässler und der certificados de honor für die besten Schüler jedes Jahrganges.

DSCF8248

SAM_7730

Noch einmal schick zum Abschied: Die Sechstklässler gehen

In Jumbate, der Außenschule, ging das  alles nicht ganz so offiziell vonstatten. Tamara und ich organisierten als Abschluss ein großes Keksebacken mit der gesamten Schule – wir brachten den Teig fertig mit, die Kinder durften ausrollen und ausstechen und letztendlich wurden die Kekse auf drei großen Blechen in den schuleigenen Lehmofen geschoben. Zum Glück wussten die Kinder, wie er funktioniert: Im Ofen wird ein Feuer entzündet, dass dann mehrere Stunden brennt, bis er heiß genug ist. Dann wird das Holz rausgeholt, die Hitze hält sich aber so gut, dass man darin noch mehrere Fuhren Kekse backen könnte.

SAM_7404

Der Ofen heizt vor

SAM_7522

SAM_7434

SAM_7609

Die Außenschule: Wir, die Schüler, die zwei Lehrerinnen, die vier Köchinnen und unsere Kekse

 

Nicht nur vom Keksebacken, sondern auch vom Weihnachtssterne basteln waren die Schüler begeistert, und es war total toll, auch mal etwas anderes außer Unterricht mit ihnen zu machen. Nachdem alles fertig war, mussten wir auch noch unbedingt ein bisschen Fußball spielen und auf einem Spaziergang die Umgebung der Schule gezeigt kriegen. Dort liehen sich auch ein paar Schüler meine Kamera aus, die ich dann mit ungefähr dreihundert Fotos mehr zurückbekam…

IMG_20151125_110819

SAM_7695

Schulalltag hin oder her – auch an den Wochenenden im November blieben wir alles andere als untätig in Tarabuco sitzen… ein paar besonders schöne Tage verbrachten wir zum Beispiel über Todos Santos (Allerheiligen) mit unseren “Gasteltern“ Marlene und Alberto und ihren Kindern in Cajamarca. Die Gegend, obwohl nur eine gute halbe Stunde von Sucre und somit keine drei Stunden von meiner momentanen Heimat entfernt, ist landschaftlich das genaue Gegenteil zu Tarabuco: Grüne Bäume anstelle von Kakteen, braune, erdige Waldwege anstelle staubiger Straßen, über Steine sprudelnde Bäche anstelle ausgetrockneter Flussbetten. Die einzige Gemeinsamkeit : Berge. Es war schön, mal wieder in einem Wald zu sein, auch wenn ich ein bisschen das Gefühl hatte, durch den Harz oder ein anderes deutsches Mittelgebirge zu laufen und nicht durch Bolivien. Cajamarca an sich ist ein Dorf – oder eher ein paar verlorene Häuser inmitten ebendieses Waldes. Wir verbrachten dort eine sehr entspannte Zeit hauptsächlich mit Laufen und Kochen: Abgesehen vom abendlichen Kochen über dem offenen Feuer folgten wir nämlich am Sonntag der bolivianischen Allerheiligen-Tradition des Brotbackens, und zwar in einer etwas größeren Dimension, als ich mir das so vorgestellt hatte. Unmengen an Teig wurden geknetet, gerollt, plattgedrückt und schließlich in den stundenlang geheizten Steinofen geschoben, um einen großen Vorrat der typisch flachen, runden Brötchen von hier herzustellen. Dazu kamen noch frische empanadas (gefüllte Teigtaschen mit Käse, Zwiebeln und dem sehr scharfen Gewürz aji) und Kuchen – und der Tag war schon wieder vorbei. Zur Belohnung nach der ganzen Arbeit aßen wir dann Modongo, ein bolivianisches Festessen bestehend aus Kartoffeln, Schweinefleisch, Pelado (aufgeplatzter, sehr lange gekochter Mais) und einer scharfen, roten Aji-Soße.

DSCF8012

Umgebung Cajamarcas

SAM_7118

Frieder knetet

DSCF8061

Tamara, Frieder und Gastvater Alberto beim Brot machen

SAM_7153

Ein anderes Wochenende verbrachten wir zum Beispiel in Alcalá, einem 2000-Seelen-Dorf, in dem andere Freiwillige arbeiten und wohnen. Auf der Straße, die von Sucre nach Tarabuco läuft, fährt man einfach noch drei Stunden weiter und man ist da. Insgesamt geht es dabei sehr viel bergab, denn Alcalá liegt etwas mehr als 1000 Höhenmeter tiefer als Tarabuco. Auch hier erlebten wir wieder ein ganz andere Vegetation und Landschaft als in Tarabuco oder Cajamarca – auch sehr grün und bewachsen, aufgrund des sehr milden Klimas aber überhaupt keine Ähnlichkeit zu Deutschland. Wir unternahmen dort auch einen Ausflug zu einem nahen Fluss, der dort teilweise tief eingegraben durch ein steiniges Flussbett verlief. Nach einer Stunde Laufens und Kletterns in der Sonne beschlossen einige von uns dann auch kurzerhand, sich mit einem kleinen Bad im herrlich warmen Wasser zu erfrischen… einfach wunderbar.

SAM_7175

SAM_7166

Die Fahrt nach Alcalá war aber nur mehr oder weniger angenehm: Ungefähr 10 Minuten nach Tarabuco hört nämlich der Asphalt auf, und die restlichen drei Stunden fährt man auf einer Straße mit variierenden Huckeligkeitsgraden. Wir hatten wenigstens das Glück, Sitzplätze zu haben. Denn in den flotas, den bolivianischen Reisebussen gilt nicht „wenn voll ist, ist voll“. Nein, hier lautet die Regel eher „wenn voll ist, wird der Rest in den Gang gestopft“. Wenn also gerade viele Leute eine Strecke fahren wollen, dann verdient sich das Unternehmen noch etwas mehr dazu, indem es den Platz im Gang auch noch verkauft. Die Leute stehen dann entweder, oder sie sitzen auf mitgebrachten Hockern, umgedrehten Eimern oder gleich auf dem Boden. Trotzdem, auch ein Sitz bedeutet nicht gleich Komfort: Je weiter hinten man sitzt, desto mehr spürt man jeden kleinsten Huckel des Bodens. Da freut man sich doch gleich auf die 15-stündige Fahrt nach La Paz, die wir Ende Dezember vor uns haben…

So, das war’s dann auch schon wieder. Jetzt haben wir also Sommerferien, werden aber erst nach Weihnachten richtig verreisen. Vorher arbeiten wir noch – hier im Haus oder in kleinen Projekten mit den Kindern, auf die ich mich sehr freue. Auch Weihnachten wird bestimmt toll, wenn auch ganz anders als in Deutschland. Trotzdem, ein paar Traditionen müssen importiert werden: So haben wir zum Beispiel einen wunderschönen Adventskranz gebunden (wir mussten eine ganze Weile wandern, um Nadelbäume zu finden)und auch Vanillekipferl gebacken – etwas improvisiert allerdings: Statt Mandeln mussten Paranüsse herhalten, die dann im Mixer gemahlen wurden und auch der Zucker wurde kurzerhand in den Mixer geworfen, um Puderzucker herzustellen. Lecker sind sie trotzdem, und weitere Kekse folgen bestimmt.
So, zum Abschluss noch ein paar Fotos und ihr hört bestimmt bald wieder von mir – spätestens, wenn ich euch die bolivianischen Weihnachtstraditionen näherbringen möchte.

Bis dann,
Mareile

IMG_20151124_102815

die 3A

IMG_20151203_165045

Unser Adventskranz plus Gastbruder Steven

SAM_7068

Alte Bahnschienen bei Tarabuco

DSC_7363

Beim Mittagessen in Jumbate